Die Serie „Baustile im Stadtbild“ stellt Kölner Wohnarchitektur aus verschiedenen Epochen vor. Baustile im Stadtbild 4: der Jugendstil Wiener Prägung

Beim Gedanken an den Jugendstil käme wohl niemandem der Ebertplatz in den Sinn. Jedoch, nur ein paar Schritte entfernt, an der nördlichen Seite Richtung Rhein, steht das einzige Relikt der Villen-Bebauung des jüngsten Ringabschnitts: die Villa Bestgen, benannt nach Josef Bestgen, Direktor im Bankhaus Deichmann. Bauherr Carl Deichmann beauftragte kurz nach der Jahrhundertwende die Architekten Gottfried Wehling und Alois Ludwig. Letzterer war Meisterschüler Otto Wagners, des profiliertesten Architekten des Wiener Jugendstils.

Die zweistöckige Villa mit einem Sockel- und einem Giebelgeschoss ist mit einem hellen Verputz versehen, von dem sich die Werksteingliederungen dezent abheben. Das Hochparterre hat einen halbrunden Erker mit raumhohen Fenstern und einem Balkon. Ein breiter Korbbogen überdacht die Loggia, zu beiden Seiten des Giebels wachen allegorische Figuren des österreichischen Bildhauers Adolf Simatschek, die „Hüterin des häuslichen Glücks“ rechts und links die „Herdflamme“. Sie ruhen auf kleinen Blendgalerien mit grünen Säulchen aus Eisen, die fensterartige Vertiefungen mit farbigen Mosaiken einrahmen. Damit wird an dieser Fassade die Freude der Jugendstil-Architekten an der Farbe eher verhalten ausgelebt.

Umso reichhaltiger findet sich der stets von organischen Formen inspirierte Jugendstil-Dekor, wie zum Beispiel die stilisierten Lebensbäumchen in der oberen Fensterzone, die Palmetten in der eingetieften Stirn des Bogens und die plastisch ausgebildeten Blätter an seinem oberen Rand. Das Gebäude zeigt, dass unabgängig von den historischen Epochen zu allen Zeiten Klassizismen die Baukunst durchsetzen: Den Erker ziert ein Fries aus einer Jugendstil-Girlande und einem antikisierenden Eierstab-Motiv. Nach dem Krieg wurde die Villa ab 1946 authentisch wiederaufgebaut, nur am Dach gab es massive Änderungen. Auch die Garteneinfassung ist weitgehend original erhalten.

Das Gebäude ging in den Besitz des Gerling-Konzerns über. Irene Gerling ließ 1964 daneben die Baukunst Galerie errichten, die den Villengarten für Skulpturenausstellungen nutzt. Die Villa selbst ist heute an eine Rechtsanwaltskanzlei vermietet.

Das Gebäude galt seinerzeit als das modernste der Stadt. In der Ausbildung des Wiener Jugendstils blieb es einzigartig. Bei den weiteren erhaltenen Wohnbauten, etwa am Volksgarten und im Belgischen Viertel, handelt es sich um bloßen Flächendekor. Das berühmteste Beispiel für den Jugendstil in Köln war ein öffentlicher Bau: das Ehrenfelder Neptunbad.

Der kubisch-geometrische Jugendstil mit seiner Formenwelt aus Quadrat und Kubus war Wegbereiter für die Klassische Moderne des 20. Jahrhunderts. Würfelförmige Bauten mit flächenbetonten Wänden und kantig gegeneinanderstoßenden Blöcken wurden sparsam mit Ornamenten eingefasst. Eher quellende, fließende, wellige Formen hingegen zeigte der Jugendstil in den romanischen Ländern, wie etwa in den Bauten von Antonio Gaudí. Der katalonische Modernisme, der österreichische Secessionsstil („Abspaltung“ vom Wiener Künstlerhaus), Art Nouveau und Fin de Siècle sind weitere Ausprägungen des Jugendstils.

Ira Scheibe

Jugendstil:

Um die Jahrhundertwende galt die Suche nach einem Stil der eigenen Zeit mehr als der dogmatische Rückgriff auf historische Vorbilder, der noch den ­Historismus prägte. Im deutschsprachigen Raum ist dieser Stil benannt nach der illustrierten Zeitschrift „Die Jugend“. ­Erkennbar ist der Jugendstil an dekorativ geschwungenen Linien und floralen Ornamenten. Die Fläche, Symmetrien und Achseneinteilungen wurden aufgegeben. Grundrisse folgten organisch den vorgesehenen Funktionen. Die Wurzeln der Stilrichtung lagen in der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, die sich gegen die seelenlose maschinelle Fertigung von Gebrauchsgegenständen richtete.

Erschienen in der Sonderbeilage „Wohnen & Leben“ der Kölner Zeitungsgruppe (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau) am Wochenende des 18./19. April

Die Villa Bestgen am Theodor-Heuss-Ring 9 entstand zwischen 1901 und 1903.

Fotografin: Stefanie Biel

„Herdflamme“ heißt die

Skulptur von Adolf Simatschek.

Fotografin: Stefanie Biel

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